Die Darmflora

Aus einer bunt gemischten „Truppe“ von Darmbakterien setzt sich die Darmflora zusammen. Mittlerweile ist klar, dass sie eine weit größere Rolle im Körper spielen als nur für die Verdauung zu sorgen. Über die Besiedlung der Darmflora und die Folgen von Veränderungen.

XRENDER – ISTOCKTHINKSTOCK

Wir beherbergen eine Menge Gäste in unseren Gedärmen. Lebewesen, die kein natürlicher Bestandteil unseres Körpers sind, die sich aber unseren Darm als Biotop auserkoren haben und sich dort wunderbar vermehren. Wem bei dem Gedanken unbehaglich zumute wird, darf sich versichern lassen: Es ist ein Arrangement zum beiderseitigen Nutzen. Die Mini-Piraten, die schon seit frühester Kindheit unser Innenleben gekapert haben, sind tatsächlich gute Freunde, die uns helfen, das Immunsystem auf Trab zu halten, fremde und schädliche Mikroben auszuschalten, und die uns mit Vitaminen, Fettsäuren und Energie versorgen. Zum Ausgleich dürfen sie sich von unseren Verdauungsresten ernähren.

Die Gäste in unserem Inneren sind Mikroorganismen – Bakterien, Archaeen und Eukaryoten. Zumeist einzellige Lebewesen, die man früher irrtümlich einmal dem Pflanzenreich zugeordnet hat – daher der veraltete Begriff „Flora“. Die Wissenschaft spricht heute eher von einer „Darmmikroorganismengesellschaft“ oder dem „intestinalen Mikrobiom“. Es ist wahrlich eine bunte Truppe, die die Därme bewohnt. Man geht mittlerweile von 500 bis 1000 unterschiedlichen Arten aus, ihre Zahl liegt zwischen 10 und 100 Billionen und ihre Gesamtmasse beträgt kaum zu glaubende ein bis zwei Kilogramm. Noch erstaunlicher ist, dass sich im Darm rund zehn Mal so viele Mikroben tummeln wie der Organismus des Menschen Zellen enthält. Dabei ist die Zusammensetzung der Darmflora bei jedem Menschen anders – und diese Zusammensetzung kann Folgen haben.

Keime, die die Gesundheit fördern

Doch wie kommt es überhaupt zur Bildung der Darmflora? Der Darmtrakt des Fötus ist nämlich noch vollkommen keimfrei. Die erste Besiedlung erfolgt während des Geburtsvorgangs, bei dem mütterliche E. coli-Bakterien, Streptokokken und Enterobakterien die erste Kolonisations- Welle bilden. Eine Geburt durch Kaiserschnitt stört jedoch den Aufbau der Darmflora. Wissenschaftler nehmen an, dass dies zu einem erhöhten Risiko für die spätere Ausbildung von Allergien und anderen Erkrankungen führen kann, denn je früher das Immunsystem in Kontakt mit Keimen kommt, desto besser kann sich offenbar eine gesunde Immunantwort entwickeln. Auch die Art der Säuglingsnahrung hat großen Einfluss auf die Zusammensetzung der Darmflora. Untersuchungen zeigen, dass gestillte Babys gesundheitliche Vorteile gegenüber „Flaschenkindern“ aufweisen, denn die Muttermilch fördert die Ansiedlung nützlicher Bakterien und hemmt die Ausbreitung schädlicher.

Erst allmählich hat die Forschung herausgefunden, welche positiven Effekte ein gut funktionierendes bakterielles Ökosystem im Darm hat. Wie bereits angesprochen, ist die Darmflora ein Übungsfeld für das Immunsystem – die Abwehrzellen lernen, Freund und Feind zu identifizieren und eine passende Antwort zu geben. Mikroben der Darmflora wirken außerdem bei der Enzymbildung und Vitaminsynthese mit: Für die Aufnahme der Vitamine B1, B2, B6 und B12 sind sie unabdingbar. Sie bilden auch das für die Blutgerinnung wichtige Vitamin K. Indem unverdauliche Kohlenhydrate, die so genannten Ballaststoffe, abgebaut werden, kommt es zur Bildung von kurzkettigen Fettsäuren. Diese versorgen die Darmschleimhaut mit Energie und regen die Darmperistaltik an, d.h. die Kontraktionen, die den Nahrungsbrei in Richtung Enddarm transportieren. Nicht zuletzt tragen die Darmbakterien zur Entgiftung bei, indem sie Umweltgifte, die wir über die Nahrung aufnehmen, unschädlich machen.

Wenn die Darmflora aus der Balance gerät

Angesichts dieser vielfältigen Aufgaben wird rasch klar, dass eine Störung dieses Ökosystems oder eine ungünstige bakterielle Zusammensetzung gesundheitliche Auswirkungen haben kann. Interessanterweise hat man festgestellt, dass die Darmflora das Körpergewicht und die Ausbildung der Fettsucht (Adipositas) beeinflusst. So ist das Verhältnis zwischen den Bakteriengattungen Firmicutes und Bacteroides in schlanken und dicken Menschen unterschiedlich. Die Firmicuten sorgen offenbar für eine bessere Verwertung der Ballaststoffe und begünstigen die Fettspeicherung. Die Darmflora eines Übergewichtigen trägt also auch noch dazu bei, dass er weiterhin zunimmt. Schlechte Karten für Diätwillige, sollte man meinen. Doch als Ausrede fürs ungebremste Schlemmen nach dem Motto „Gegen die Pfunde kann ich ja eh nichts machen“ taugt die Zusammensetzung der Darmflora nicht. Beim Abspecken kann sich die Relation zwischen Firmicuten und Bacteroiden nämlich wieder in ein gesundes Maß einpendeln.

Ungleichgewichte im Ökosystem Darm oder Fehlbesiedlungen mit schädlichen Bakterien scheinen für eine ganze Reihe von chronischen Darmerkrankungen, Nahrungsunverträglichkeiten, Allergien und sogar für die Entstehung von Darmkrebs eine Rolle zu spielen. Jedoch hat die Wissenschaft den ursächlichen Zusammenhang noch nicht ganz verstanden. Klare Hinweise gibt es darauf, dass bei chronischer Verstopfung, Reizdarmsyndrom und chronischen Entzündungen wie Morbus Crohn und Colitis ulcerosa eine Unausgewogenheit der Darmflora beteiligt ist. Diskutiert wird auch, ob die durch eine Störung der Darmflora ausgelösten Entzündungen zu einer erhöhten Durchlässigkeit der Darmwand führen („Leaky-Gut-Syndrom“). In diesem Falle würden Krankheitserreger und Schadstoffe ins Blut gelangen und massive Abwehrreaktionen des Immunsystems auslösen. Autoimmunerkrankungen wie rheumatoide Arthritis oder Multiple Sklerose werden damit in Verbindung gebracht.

Als nützliche Helfer der Darmflora gelten Probiotika. Diese sind lebende Mikroorganismen, die die geschädigte Darmflora wieder in die Balance bringen sollen. Zum Einsatz (z. B. in Lebensmitteln und Nahrungsergänzungsmitteln) kommen verschiedene Milchsäure-, Bifidound Colibakterien sowie bestimmte Hefepilze. Aktuellen Untersuchungen zufolge regen Probiotika die natürlichen Funktionen der Darmzellen sowie die Bakterienvermehrung an und stärken die Abwehr. Empfohlen wird auch eine darmgesunde Ernährung mit viel frischem Obst, Gemüse, viel Vollkornprodukten sowie wenig Fleisch, Fett und Süßigkeiten.

Tipp

Allergien beginnen im Darm

Störungen der Darmflora begünstigen fehlerhafte Abwehrreaktionen des Immunsystems, die zu Allergien und Nahrungsunverträglichkeiten führen können.

Was sind Probiotika?

Bei Probiotika handelt es sich zumeist um lebende Bakterien, manchmal auch um Hefepilze. Die Bakterien kommen in milchsauren Produkten wie Joghurt, Buttermilch und Kefir vor.